Tai Chi allgemein    

Was ist Tai Chi?

Tai Chi KranichTai Chi ist eine Art von Qi Gong. Der Tai Chi Übende führt eine bestimmte Bewegungsabfolge aus, die aus geschmeidigen und sanften Bewegungen besteht. Die Bewegungsabfolge, die Form, ist aus einzelnen Figuren oder Bildern zusammengesetzt, die Namen wie „die Schlange kriecht am Boden“, „der weiße Kranich breitet seine Flügel aus“ oder „die Mähne des Wildpferdes teilen“ haben. Meistens bewegen sich beide Arme und Hände dabei unterschiedlich und man bewegt sich bei den meisten Formen mit den Füßen fort. Dies fördert und erfordert ein gewisses Maß an Konzentration und Koordination.

Kontrolliert werden alle Bewegungen aus dem Zentrum des Körpers. Hierfür muss der Körper innerlich verbunden und möglichst entspannt sein. Der Körper wird dadurch aber nicht schlaff, sondern bekommt eine sehr starke Struktur. Dies zu erreichen braucht Übung und Geduld.

Anders als im nach außen gerichteten Alltag konzentriert man sich beim Tai Chi ausschließlich auf seinen Körper und verbindet dadurch Körper und Geist. Das Lösen der Verknüpfung von rechts und links kann den Übenden aus festgefahrenen Gedankenstrukturen führen und die körperliche und geistige Flexibilität erhöhen. Je mehr innere Härten und Blockaden der Übende überwinden kann, desto mehr ist er in der Lage die Bewegungen und dadurch auch das Qi fließen zu lassen.

Wie ist Tai Chi entstanden?

Schon im taoistischen China vor über 5000 Jahren wurden Übungen entwickelt, die der Gesundheit und der spirituellen Selbstentfaltung dienten. In den verschiedenen Zeitepochen wurden die Übungen immer wieder für unterschiedliche Zwecke verändert und unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. So entstanden z. B. Qi Gong, Kung Fu und Tai Chi.

Was bedeutet der Name Tai Chi?

Beim heute üblichen Namen Tai Chi fehlt eigentlich die Silbe Chuan. Tai Chi kann wörtlich mit „das höchste Letzte“ übersetzt werden. Es steht im Taoismus für die „große Leere“ oder das „Tao“, im Buddhismus für die „Erleuchtung“ bzw. „Befreiung“ und symbolisiert die Einheit aus und die Balance von Yin und Yang. Chuan heißt Hand oder Faust und steht für die Art der Übung.

Tai Chi Chuan bedeutet also sinngemäß: durch die Übung die Balance erlangen.

Das offizielle und als internationaler Standard anerkannte System zur Übersetzung der chinesischen Schriftzeichen in unsere lateinischen Buchstaben ist das Pinyin-System.
Gemäß dieses Systems werden die Schriftzeichen 太 极 拳 nicht in „Tai Chi Chuan“ sondern in „Taijiquan“ transformiert. Auf diesen Seiten finden Sie jedoch weiterhin die bekanntere und einfache Schreibweise „Tai Chi“.

Weitere Schreibweisen sind Taichi, Tai-Chi, Taiji und leider auch Thai Chi.

Ist Tai Chi eine Kampftechnik?

Tai Chi ist eine sogenannte „innere“ oder „weiche“ Kampfkunst. Es geht beim Tai Chi nicht um einen äußeren Kampf gegen einen Gegner, sondern man „kämpft“ mit langsamen und sanften Bewegungsabläufen gegen die eigenen körperlichen, energetischen und mentalen Blockaden.

Die Figuren der Tai Chi Formen beinhalten zwar Abwehr- oder Angriffstechniken, diese haben aber eher symbolischen Charakter. Wenn die Figuren in Partnerübungen oder Partnerformen angewandt werden, geschieht dies sanft und dient dem Fühlen und Wahrnehmen der eigenen Struktur und deren Blockaden.

Zu den „äußeren“, „harten“ Kampfkünsten gehören z.B. Kung Fu, Karate und Bagua.

Warum gibt es verschiedene Stile und Formen?

In den alten Schriften des Tai Chi wurden nur Prinzipien der Körper- und Geisteshaltung, nicht aber konkrete Bewegungsabläufe überliefert. Verschiedene Meister interpretierten die Prinzipien unterschiedlich, ergänzten oder änderten sie, hoben einzelne Aspekte besonders hervor und entwickelten daraus ihre „eigenen“ Stile. Auch heute entwickeln sich die Formen weiter und die gleiche Form wird von verschiedenen Lehrern unter Umständen sehr unterschiedlich ausgeführt. Solange die unterschiedlichen Versionen den Prinzipien entsprechen, ist die eine nicht richtiger oder besser als die andere, sie sind nur anders.

Tai Chi ist, wie alles lebendige, in stetigem Wandel.

Das ursprüngliche Tai Chi ist formlos und die Formen dienen letztlich nur dazu, die Prinzipien anzuwenden. Diese Prinzipien im Körper zu verankern und ständig, auch im Alltag, anzuwenden ist das Ziel.

Wie lauten die Prinzipien?

Von Yang Cheng Fu, der die traditionelle Langform des Yang-Stils entwickelt hat, sind folgende 10 Prinzipien überliefert:

1. Den Kopf entspannt aufrichten
2. Die Brust nach innen sinken lassen und den Rücken gerade dehnen
3. Das Kreuz/die Taille locker lassen
4. Die Leere und die Fülle auseinander halten (das Gewicht richtig verteilen)
5. Die Schultern und die Ellenbogen sinken lassen
6. Das Yi (Absicht, Intention) und nicht Muskelkraft anwenden
7. Die Koordination von Oben und Unten
8. Die Harmonie zwischen Innen und Außen
9. Der ununterbrochene Fluss (die Bewegungen sollen fließen)
10. In der Bewegung ruhig bleiben

Darüber hinaus gibt es verschiedene Ergänzungen und Änderungen von anderen Meistern zu diesen Prinzipien.
Diese knappen Worte gilt es mit Sinn und Lebendigkeit zu füllen.

Was ist die Basis von Tai Chi?

Yin Yang MonadeDie Basis der Tai Chi Übungen ist das universelle Yin-Yang-Prinzip. Danach entstehen alle Gegensätze (hell/dunkel, warm/kalt, Stress/Entspannung usw.) aus einer Einheit und bilden diese auch. Die eine Seite dieser Paare wird durch die andere Seite definiert und kann ohne diesen Gegenpol nicht existieren. Etwas warmes ist nur im Verhältnis zu etwas kälterem warm. Im Verhältnis zu etwas wärmerem ist es aber kalt. Yang existiert also nicht ohne Yin und Yin nicht ohne Yang. Außerdem beinhalten beide den Keim des Gegenpols in sich, was zu einem stetigen Wandel der Polaritäten führt. Deshalb wechselt z.B. die Belastung der Füße beim Tai Chi ständig (belastet/unbelastet) und der Atem hat eine besondere Rolle (einatmen/ausatmen), der Körper öffnet und schließt sich und nimmt Energie auf und gibt sie wieder ab.

Was bewirkt Tai Chi?

Durch die ruhigen und gleichmäßig langsamen Bewegungen in den Gegensätzen und das darauf abgestimmte Atmen findet der Übende zurück zu seiner Mitte. Zugleich werden Körperenergie und Kreislauf harmonisiert. Die durch Tai Chi erzielte innere Ausgeglichenheit, Ruhe und tiefe Entspannung hält deutlich länger an als die Zufriedenheit die man durch die Ausschüttung von Endorphinen bei „normalen“ Sportarten erreichen kann. Durch regelmäßiges Üben kann man im Alltag gelassener bleiben und reagiert bei Belastungen nicht so schnell gestresst. Da sich Stress äußerst negativ auf alle Bereiche der Gesundheit auswirkt, kann Tai Chi eine deutliche Verbesserung vieler Beschwerden bewirken.

Tai Chi ist aber nicht nur eine nach innen wirkende Bewegungskunst. Tai Chi ist auch ein auf den ganzen Körper wirkendes körperliches Training. Alle Gelenke werden bewegt und geöffnet, Sehnen und Bänder werden bewegt und geschmeidig gehalten und Muskeln werden gestärkt und aufgebaut. Die Intensität der Übungen kann dabei jeder selbst bestimmen.

Bei welchen Beschwerden kann Tai Chi helfen?

Da Krankheiten gemäß der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) aus Ungleichgewichten im Körper resultieren und Tai Chi ausgleichend und harmonisierend auf alle Bereiche des Körpers wirkt, kann Tai Chi vielen Krankheiten vorbeugen und viele lindern. Unter anderem wird das

Yang-Stil Tai Chi

Der von Yang Lu Chan (1799 – 1872) entwickelte Yang-Stil basiert auf dem Stil der Chen Familie. Der Chen-Stil beinhaltet auch schnelle Bewegungen, hohe Sprünge und unterschiedliche Geschwindigkeiten. Yang Lu Chans Ansicht nach entspricht dies jedoch nicht den ursprünglichen Prinzipien, weshalb er eine sanftere und gleichmäßigere Form entwickelte. Sein vielfältiges Wissen und Können umfasste nicht nur verschiedene Kampfkunststile sondern auch Meditation, Medizin und Philosophie. All dies floss in den von ihm entwickelten Yang-Stil ein, der besonders den gesundheitlichen und meditativen Aspekt in den Vordergrund stellt und durch sanfte und fließende Bewegungen gekennzeichnet ist.

Traditionelle Langform des Yang-Stils

Tai Chi SchlangeYang Lu Chans Enkel Yang Cheng Fu (1883 – 1936) führte die Tradition der Yang Familie fort und entwickelte die heute „traditionelle Langform des Yang-Stils“ genannte Form. Manchmal wird diese Form auch als „108er Langform“ bezeichnet. Diese ist in drei Teile gegliedert. Im ersten, der Erde (Yin) zugeordneten Teil, werden grundlegende Bewegungsprinzipien des Tai Chi vermittelt. Man lernt fest auf dem Boden zu stehen, sichere Schritte zu machen und eine stabile Haltung einzunehmen.

Der zweite, dem Himmel (Yang) zugeordnete Teil, ist deutlich länger als der erste Teil. Er beinhaltet einige Wiederholungen aus dem ersten Teil und zusätzliche Bewegungen wie z.B. mehrere nach oben gerichtete Kicks.

Der dritte Teil ist dem Menschen zugeordnet und ist der ausgeglichenste Teil. Der Mensch stellt die Verbindung zwischen den beiden Polen Himmel und Erde dar. Der dritte Teil ist der längste, beinhaltet jedoch auch einige Wiederholungen aus den ersten beiden Teilen. Er beinhaltet sowohl nach oben gerichtet Kicks als auch tiefe Bewegungen wie z.B. die Schlange.

24er (Peking-) Form des Yang-Stils

Da es einige Zeit dauert, die „traditionelle Langform“ zu lernen, wurde in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts eine kürzere Form aus der Langform kondensiert. Dadurch sollte das chinesische Volk ermutigt werden, Tai Chi zu lernen und so die Volksgesundheit verbessert werden. Und tatsächlich üben heute millionen Chinesen täglich in den Parks, nicht nur in Peking, Tai Chi. Sich wiederholende Bewegungsabläufe der Langform wurden gestrichen und nur die wichtigsten Figuren blieben übrig. So entstand die 24er (Peking-) Form, die heute weltweit verbreitetste Tai Chi Form.

37er Cheng Man Ching Form

Cheng Man Ching (1901 - 1975) war ein Meister der Traditionellen Chinesischen Medizin, der Kalligraphie, der chinesischen Malerei und Literatur und erreichte, als Schüler von Yang Cheng Fu, auch die Meisterschaft des Tai Chi. Er entwickelte, basierend auf der „traditionellen Langform“, eine eigene kürzere Form, die sich unter anderem durch eine geringere Weite der Bewegungen auszeichnet. Er lebte viele Jahre in Taiwan und den USA, weshalb seine Form dort und auch in Europa, recht verbreitet ist. Seine Form wird von den offiziellen Linienhaltern der Yang-Familie nicht als Yang-Stil anerkannt und wird deshalb auch oft als eigenständiger Cheng-Stil angesehen.

Weitere Stile und Formen

Neben dem am meisten verbreiteten Yang-Stil und dem bereits erwähnten Cheng-Stil gibt es weitere Stile wie z.B. den ebenfalls recht verbreiteten Chen-Stil, den Wu-, den Sun- und den Lee-Stil. Auch innerhalb dieser Stile gibt es verschieden lange Formen, außerdem gibt es Formen bei denen Bewegungsabläufe verschiedener Stile vermischt werden. Alle Stile sind nach den Begründern benannt und unterscheiden sich z.B. durch die Weite der Schritte und (Arm-) Bewegungen, die Art der Gewichtsverlagerung und die Haltung der Hände und Handgelenke. Die Formen innerhalb der Stile unterscheiden sich durch die Anzahl und Abfolge der Figuren.

Waffenformen

In allen Stilen gibt es verschiedene Waffenformen, bei denen unter anderem Schwerter, Säbel, Fächer und Stöcke benutzt werden. Waffenformen bestehen, wie die Handformen, aus einer Abfolge sanft fließender Bewegungen, beinhalten aber oft auch einzelne oder mehrere schnelle, explosionsartige Bewegungen und werden meist schneller als die Handformen ausgeführt.

Da es schwieriger ist, die Prinzipien nicht nur auf den Körper anzuwenden, sondern auch auf die Waffe als Verlängerung des Körpers, werden Waffenformen meist von fortgeschrittenen Praktizierenden geübt. Dabei wird als erste Waffe häufig das Schwert gewählt. Gelingt es, den Körper in die Waffe hinein zu verlängern, verändert dies wiederum das Körpergefühl in den waffenlosen Handformen erheblich.

Push Hands - Tui Shou    

Was ist Push Hands?

Push Hands sind Tai Chi Partnerübungen. Die Übersetzung „Schiebende oder Drückende Hände“ entspricht aber nicht dem Sinn der Übungen, denn es geht nicht um ein Drücken mit Muskelkraft. Die Übungen dienen mehr dem Fühlen und Wahrnehmen des Partners. Dadurch wird auch das Fühlen und Wahrnehmen des eigenen Körpers geschult. Es ist kein Kampf mit einem Gegner sondern ein Spiel mit einem Gegenüber.

"Fixed Push Hands" sind Übungen mit festen Bewegungsabläufen, bei denen sich die Partner gegenüber stehen und sich an den Händen oder Armen berühren. In kurzen Bewegungsabfolgen werden dann abwechselnd nach vorne gerichtete und zurückweichende Bewegungen ausgeführt. Dies geschieht möglichst ohne Druck an den Berührungsstellen.

Beim "freien Pushen" gibt es keine festen Bewegungsmuster. Die Partner stehen sich gegenüber und versuchen, den anderen zu einer Bewegung zu verführen, die ihn aus dem Gleichgewicht bringt und er einen Schritt machen muss. Dabei wird geübt, stabil zu stehen und die eigene Mitte nicht zu verlieren. In einer nach vorne gerichteten Bewegung darf man sich also nicht vom Partner verführen lassen, sich zu weit zu bewegen, sonst kann der Partner dies nutzen. Auch beim freien Pushen wird möglichst keine Muskelkraft angewandt.

Was bringt Push Hands für das Tai Chi Formlaufen?

Mit einem Partner kann gelernt werden, auf dessen Impulse zu reagieren, sie in die eigenen Bewegungen zu integrieren und die Energie des Partners aufzunehmen und zurückzusenden oder abzuleiten. Dabei ist Weichheit stärker als Härte und diese Weichheit wird geübt. Dies kann nicht alleine, sondern nur mit einem Partner erfahren werden.
Mit einem Gegenüber ist es außerdem einfacher, eigene Fehlhaltungen und Blockaden aufzuspüren. Anschließend können diese neuen Erfahrungen in alle Tai Chi Formen übertragen werden.

Brauche ich Push Hands?

Ohne die Erfahrungen aus den Push Hands Übungen sind Tai Chi Formen oft nur eine äußere Form ohne Inhalt. Durch Push Hands können sowohl Yin und Yang, welche die Basis für ein tieferes Verständnis aller Tai Chi Formen sind, als auch die eigene Mitte und Grenzen unmittelbar erfahren werden. Das verändert das Körpergefühl auch in den Solo Tai Chi Formen. Außerdem führen die Übungen zu mehr Weichheit und Lockerheit im Körper und Geschmeidigkeit in den Bewegungen, vor allem in den Schultern. Deshalb sind Push Hands Übungen für einen ernsthaft Tai Chi Übenden unerlässlich.

Partnerformen - San Shou    

Partnerformen sind längere Bewegungsabfolgen, bei denen zwei Übende abwechselnd angreifende und abwehrende Bewegungen ausführen. A greift an, B weicht aus und nutzt den ins Leere laufenden Angriff von A, um ihn in dieser Position anzugreifen. Dem weicht A aus und so weiter. A und B führen dabei unterschiedliche Bewegungsabfolgen mit unterschiedlichen Figuren aus.

San Shou ist sehr dynamisch, denn die Formen beinhalten Schritte und werden meist sehr schnell ausgeführt. Um auch in dieser Dynamik die Prinzipien nicht zu verlieren, ist es sinnvoll, diese in den langsamen Handformen und den statischeren Partnerübungen verinnerlicht zu haben. Dafür ist einige Übung erforderlich.